MissionManx

Mission Manx – Ein Roadtrip zum Mekka des Straßenrennsports

Halsbrecherisch. Unberechenbar. Fordernd – Wundervoll.

 

Liebst du den Duft von verbranntem Kraftstoff, die Klänge von vor Kraft strotzenden Motoren und die Geschichten tollkühner Männer, welche den ältesten und gefährlichsten Straßenkurs bezwangen oder bezwungen wurden? Dann setz dich in deine Garage zu deinem Bike oder in den Ohrensessel und lies weiter.

 

Alles begann auf einer kleinen Insel in der irischen See – der Isle of Man. Seit 1907 ist sie der Austragungsort der legendären Tourist Trophy. Seit 1911 ist der Snaefall Mountain Course mit einer Distanz von 60,7 km die Strecke, auf der sich Mann und Maschine messen können. Unzählige Kurven, Bodenwellen, Mauern, Brücken, Bäume und Abhänge säumen die Strecke, auf welcher gefühlte zehn Strohballen zur Entschärfung liegen. Schon kleine Fehler bedeuten tragische Stürze oder gar den Tod. Lag die Rundenzeit 1939 noch bei 25,8 min (Georg Meier auf BMW Kompressor), liegt sie heute bei 17,11 min (Michael Dunlop auf BMW S1000 RR) was einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 211km/h entspricht. Solch ein riskantes Rennen gibt es noch in unserer heutigen, voreilig den Zeigefinger hebenden Welt, fragt man sich? Unverantwortlich mögen manche denken…doch das hat hier nicht viel Platz. Jeder, der die Legende spüren möchte, weiß auf was er sich einlässt. Schön, dass es so etwas noch gibt…

 

…dachten sich auch die vier Berliner von MotorCircus und Urban Motor, der Kradschmiede, sattelten ihre „Pferde“ und pilgerten zum Mekka des Straßenrennsports. Nicht nur um dem spektakulären Rennen beizuwohnen, sondern auch den Weg dorthin als Ziel zu verstehen, war Antrieb des Quartetts. Die vier zweiventilgesteuerten BMWs wurden stilecht beladen, so die selbst gestellte Anforderung. Plastik, Gummi oder gar modernere Materialien aus Gore-Tex sollten uns so weit wie nur möglich fern bleiben. Es ging ja auch zur Classic TT. Dort findet man auch keine Helferlein an Bord der Maschinen. Also 50 Jahre zurückgereist und den Jet-Helm aufgestülpt.

 

Berlin verabschiedeten wir mit einem ehrenden Besuch an der Avus am Erst Henne und Ewald Kluge Denkmal. Seinerzeit großartige Rennfahrer auf BMW und DKW. Die drei zarten Klopfer auf die Zylinder der BMW sollten unseren Krads Mut und Durchhaltevermögen für die kommenden 4.000 Kilometer einhauchen. Eine erste lange Autobahnfahrt in Richtung Westen, nicht sonderlich aufregend, aber was das Wetter betrifft, recht abwechslungsreich, endete in Köln. Zeit genug, um sich an Gepäck und Gewicht zu gewöhnen und alles auf den richtigen Sitz zu kontrollieren. Die Maschinen ruhten, die Fahrer trafen Freunde und Gleichgesinnte beim BBQ und nahmen eine Dusche, welche die letzte für die kommenden Tage sein würde.

Belgien nur als ein Transitland zu bezeichnen, wäre vermessen. Nein: Belgien zeigte sich von einer wundervollen Seite. Hügelige Landschaft, goldene Sonnenstrahlen und klar doch: Kurven, Kurven, guter Asphalt und recht passable Pommes. Belgische Pralinen fanden wir morgens zwar nicht neben unseren Schlafsäcken, dafür aber Sonnenaufgänge mit hervorragendem Pulverkaffee. Als Kinder inspirierten uns die alten Western. Treue Weggefährten, schnelle Pferde und Lagerfeuer. Eine Pfanne warmer Bohnen später und schon war das schöne kitschige Klischee Wirklichkeit. Magnifigue!

Entlang dem furchteinflößenden belgischen Westwall beluden wir nach einer ausgiebigen Strandfahrt in Oostende endlich in Dunkerque die Kanalfähre in Richtung Dover mit unseren Pferden, um unserem ersten großen Ziel näher zu kommen:…dem Ace Cafe.

 

Ass & Steilwand

Beschäftigt man sich ein wenig mit Cafe Racer und Rocker, dann kommt man niemals am ACE CAFE LONDON vorbei, der Geburtsstätte einer Motorrad-Subkultur. Rebellisch war sie einst, einladend ist sie heute. Uns durch den Londoner Verkehr quälend, erreichten wir am Abend mit heißen Motoren die ersehnte Oase. Es folgte ein freundlicher Empfang von Mark Wilsmore, dem charismatischen Ace Gesicht, mit heißem Tee, einer warmen Mahlzeit und vielen Gesprächen rund um Öl, Benzin und der Freiheit auf zwei Rädern. Der folgende eingeplante Ruhetag wurde unterschiedlich bestritten. Tim und Lemmi nahmen sich Zeit für Ihre Boxer, die ein wenig Zuwendung verlangten. Wärmepflaster und Kraftfutter fanden beide bei Rex von Untitled Motorcycles. Cheers for your help. Das war es auch schon mit den Problemen. Nein Stopp, da hielt uns noch etwas den Atem an. Aber hierzu später.

Marko und Chris nahmen derweil Kurs auf das Brooklands Museum.

„The birthplace of british motorsport & aviation“ liegt nahe London. 1907 wurde mit Hilfe einer aufwendigen Konstruktion der erste Steilwand-Rennkurs überhaupt erschaffen. In der damaligen Zeit galt dies als ein kleines Wunder. Rekorde wurden dort errungen um wieder gebrochen zu werden. Waghalsige Piloten absolvierten Tests für die Motorrad-, Auto- und Flugzeugindustrie, welche nicht immer zu Gunsten dieser Männer und Frauen der ersten Stunde ausgingen. Heute ist Brooklands ein Museum, welches authentisch und liebevoll mit dieser einzigartigen Geschichte umgeht und Besucher in ein längst vergangenes Jahrhundert des Motorsports entführt. Welch ein Glücksgefühl, als sich uns die heiligen Tore zur Steilkurve öffneten. Wir ließen also unserer Boxer „ToasterRoadster“ und „BrownSugar“ über die historischen Betonplatten donnern, wenn auch nicht waghalsig schnell, denn der Zustand war eher dürftig. 1939 wurde der Kurs aufgrund des Krieges für den Motorsport geschlossen. Zu allem Übel bombardierte die Luftwaffe auch noch Teile der Strecke und ein Aufbau war in der Nachkriegszeit zu kostspielig. Aber hey…die Geschichte lebt noch immer.

 

Sprachen wir vorhin von Problemen? Richtig. Was wäre wohl ein kleines Abenteuer ohne Probleme. Langweilig. Also…es musste ein Problem her. Da lag es auf der Hand, dass die Batterie von „BomberDoll“ stark erhitzt den Dienst quittierte. Dem Ersatz erfuhr das gleiche Schicksal und nun musste „BrownSugar“, das gutmütige Arbeitstier, das Lasso schwingend als Schlepper herhalten. Kurzum hatte „BomberDoll“ einen defekten Regler, nachfolgend eine defekte Diodenplatte und die Lichtmaschine fütterte die Batterie mit zu hoher Leistung. Peng. Nun ja, es war Sonntag, die Leute genossen ihren verdienten Ruhetag. Doch es gelang dem Team, eine Autobatterie aufzutreiben, welche dann in der zweckentfremdeten Satteltasche Platz fand. Die Lichtmaschine wurde abgeklemmt und ohne Licht, nur mit zündenden Funken ging der Roadtrip schließlich weiter durch Mittelengland. Urban Motor aus Berlin, schickte uns die nötigen Ersatzteile im Eiltempo hinterher und der Bock konnte geheilt werden. Danke Peter…das war Service par excellence.

 

Schon einmal vom Cat ´n´ fiddle Pass im Buxton NP gehört? Wir auch nicht. Ross und Reiter hatten dort aber eine Menge Spass. Hervorragende Straßen, abwechselnde Höhen und neblige Ortschaften wie sie einst Sherlock Holmes mit Watson auf Indizien untersuchten. Freunde des Zweirades finden sich hier Wochenends in Scharen ein. Für uns hieß es ebenfalls Kilometer abzuspulen, Landschaft zu genießen und abends mit ein, zwei oder drei verdienten Whiskys, die Kehle zu ölen. Die Vorfreude auf die Isle of Man wuchs nun mit jedem weiteren Kilometer. Bekanntschaften von der Straße predigten uns schon viel Gutes. Los, komm näher Insel,…wir platzen vor Vorfreude!

 

Insel des Mannes

Es ist Nacht und es riecht nach Diesel und Salzwasser. Sonoriges Brummen und sanfte Wellen der irischen See halten uns wach. Die Rösser ruhen im Stahlbauch der Fähre. Erste scheue Sonnenstrahlen kämpfen sich durch die Atmosphäre. Alle auf Deck schärfen den Blick zum Horizont. Laaand!

Es ist soweit. Die Belohnung des langen Weges ist zum Greifen nah. In einer langgezogenen Bucht zeigt sich die Inselhauptstadt Douglas noch völlig verträumt. Der Eisenwal spuckt uns und einige andere Cowboys samt Pferden aus und freundliche Manxpeople begrüßen uns. Jener Menschenschlag der immer wieder auf seinen Füßen steht, egal wie oft er umgeworfen wird. Auch das ist im Zeichen der Insel, dem bekannten Dreibein, verankert. Ohne diese Legende weiter prüfen zu wollen, stürzen wir uns für sechs Tage ins Geschehen und saugen die Stimmung dieses legendären Rennens wie ein trockener Schwamm auf. Die erste Bekanntschaft mit dem Rennen ist wahrhaftig schwer zu beschreiben. Vollgepumpt mit Adrenalin, schwanken wir zwischen höchster Begeisterung und Fassungslosigkeit. Teilweise nur einen Meter entfernt von den fahrenden Bikes, getrennt durch einen hüfthohen Zaun, umgeben vom verbrannten Duft von Öl und Benzin und einem ohrenbetäubenden Motorsound, war es eben genau diese Nähe, welche uns erschrecken und in ihren Bann ziehen sollte….drei Stunden Grinsen am Stück inklusive.

Die Classic TT präsentiert sich allgemein offen und publikumsnah. Die Fahrerlager sind nicht abgetrennt und geben so die Möglichkeit, mit Fahrern, Maschinen und den Teams in Kontakt zu treten. Schauplätze sind nie so überfüllt, dass man Schwierigkeiten hätte einen guten Platz zu finden. Überall auf der Insel werden Oldtimer von den buntesten Liebhabern bewegt. Was du fährst, spielt eigentlich keine Rolle. Ein Motor und zwei Räder reichen aus. Mit unseren Beemern waren wir dennoch Exoten, was genügend Gesprächsstoff bereithielt. Jeden Tag kann man an einem anderen Streckenabschnitt stehen und doch wird man sie nicht alle schaffen. Nur die jedes Jahr wiederkehrenden Fans werden es über die Jahre packen, alle Punkte zu sichten. Start und Ziel, der Grand Stand, liegen in Douglas. Von hier aus geht es im Uhrzeigersinn gute 60 haarsträubende Kilometer über enge Landstraßen, durch Dörfer, Wälder und über Berge hinweg mit dem Ziel, eine gute Zeit zu fahren und unversehrt das Training und Rennen zu überstehen. Die Anforderungen an Mensch und Maschine sind hier so extrem wie in keinem anderen Motorradrennen auf unserem Globus. Der Snaefell Mountain Course bleibt eine Königsklasse für sich und Fahrer wie Joey Dunlop (26 Siege, †2000) oder John McGuinness (20 Siege) werden gefeiert wie Nationalhelden. 240 tödlich Verunglückte haben es nicht geschafft. Über Unfälle generell redet keiner gerne. Wie man es sonst von erfahrenen Seeleuten kennt, werden nur die waghalsigen und glorreichen Storys in Garn gepackt. Die kurvige Straße wird wie das tobende Meer zum Mythos, zum Salz in der Suppe. Toni Wall oder Derek Whalley erzählten uns einige dieser Rennfahrer–Storys. In den Sechzigerjahren war ihre Zeit. Die Böschung hielt als Kiesbett her, der Helm strangulierte und mit gebrochenen Federbeinen wurde weitergefahren. „Hattest Du jemals einen dramatischen Unfall? Ach…lassen wir das. Ich erzähl euch lieber die Story, wie ich meine „Greeves“ leichter machte…“

Das Funkeln in den Augen dieser Männer, das Herz klopfend beim Erzählen der eigenen Geschichten. Genau das ist es, was die Classic TT so besonders macht. Schlug Georg Meier 1939 bei der Begehung der Strecke einige Zentimeter aus dem Felsen, um besser seiner Ideallinie folgen zu können? War es wirklich so? Egal,…es hört sich verdammt gut an.

 

 

Alle Fahrer und Bikes kamen nach 4.000 spannenden Kilometern heil wieder in der Heimat an. Reich an Eindrücken, reich an Erfahrung, reich an Erinnerungen und an Zeit, die ihnen niemand nehmen kann.

Besonderer Dank gilt URBAN MOTOR für den Support und das wir die schöne „EarlGrey“ zu diesem Ritt ausführen durften.

 

Autor: Christoph H. Köhler / www.motor-circus.com