MissionSouth

A long way. An epic adventure. A common goal.

Mission south Motor circus

Nach der erfolgreichen “MissionManx” stürzen sich die Männer von MotorCircus wieder in ein außergewöhnliches Abenteuer. Ein Abenteuer mit einem besonderen Ziel.

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Text: Christoph H. Köhler / Fotos: MotorCircus GbR

 

Hagel in den Bergen, Staub in den Augen und ein Lächeln im Gesicht. Wäre Dir ein kurzweiliger Ausbruch aus dem hiesigen Alltag gerade recht? Inspiriert von den noch wirklich abenteuerlichen Reisen unserer Großväter, machte sich MotorCircus wieder einmal auf den Weg, um neue Straßen, fremde Kulturen und schlechten Sprit kennen zu lernen. Der Kompass zeigt nach Süden und das Ziel steht fest  – The Smiling Coast. 

 

Die drei Buschjungs kommen gerade vom Erdnusssammeln. Sie entdecken uns bei einer Pause an einem Wasserloch in Gambia. Fünf Maschinen mit ihren verdreckten „weißen“ Fahrern mitten hier im Nichts. Scheu aber doch interessiert mustern sie die Situation. Wir brechen das Eis mit warmem Wasser, Kugelschreibern und einer ausgestreckten Hand. Flüchtige Bekanntschaften wie diese am Rande der Straße waren uns eine wunderschöne und gleichwohl wichtige Abwechslung. Ja, das Reisen mit dem Zweirad garantiert dem Fahrer schon fast den näheren Kontakt mit Land und Leuten. Keine Tür trennt das Interesse nach dem Woher, Wohin und Weshalb. Den Elementen intensiv ausgesetzt – das ist es, was wir alle mögen…auch wenn es das eine oder andere Mal etwas zwicken sollte.

„Jeder Reisende ist Botschafter seiner Kultur und seiner Werte.“ Christoph Köhler

Aber beginnen wir am Anfang

Fünf Mann (Chris, Marko, Ronald, Martin, Thorsten) und fünf Motorräder überquerten die Straße von Gibraltar. Von der Fähre aus entdeckten wir den afrikanischen Kontinent. Das Abenteuer MissionSouth beginnt genau hier. Marokko empfängt uns gastfreundlich – abgesehen vom Wetter. Wolken sammeln sich und entladen ihre Energie über uns. Die ersten Tage reisten wir nicht ohne eine uns quasi verfolgende Tiefdruckfront. Afrika, wo ist deine vielgepriesene Sonne? Allerdings waren die Straßen hier in einem guten Zustand und zwischendurch gab uns das Wetter einen Ausblick auf das, was noch kommen sollte. Wir passierten die bergigen Regionen um Tetouan und Chefchaouen und freuten uns auf Volubilis – eine wichtige Provinzhauptstadt der Römer in der Antike. Heute flüstern Ruinen und Säulen ihre Erlebnisse den Archäologen zu und Hassan der Berber erzählt seinen Gästen Geschichten von den vielen Ausgrabungen und den versteinerten Überresten urzeitlichen Getiers.

Jeden Abend und jeden Morgen takelten wir also unsere Maschinen ab und auf. Langsam saßen alle Handgriffe und ein tieferes Vertrauen in unsere Vehikel festigte sich. Zwei treue Gummikühe aus den Siebzigern, zwei brandneue RnineT Scrambler und die bewährte GS Adventure bildeten das ungleiche Quintett aus dem gleichen Hause.

Eine Entscheidung ist zu treffen

Große Reisen und kleine Expeditionen bedürfen einer vorausschauenden Planung. So natürlich auch diese. Die Motorräder sind individuell mit Gepäcksystemen auszurüsten und technisch in Bestzustand zu bringen. Unterboden- und Ventildeckelschutz sind unverzichtbar und die Reifenwahl sollte sorgfältig bedacht werden. Ersatzteile und Werkzeuge sind sinnvoll auszusuchen und die Campingausrüstung muss leicht, klein und von hoher Wertigkeit sein. Um die Reisen unserer Großväter besser zu verstehen, verzichtete der eine oder andere auf modernste Funktionsbekleidung ohne die Sicherheit vollkommen außer Betracht zu lassen. Bleibt noch die Streckenplanung. Marko plante die Tagesetappen exakt, um die etwa 5.000 km bis zur Smiling Coast im Zeitplan zu erreichen. Die erste Streckenänderung musste allerdings schon vor dem Atlasgebirge entschieden werden. Die Schlechtwetterfront hielt sich hartnäckig und an den ersten Tagen im bergigen Gelände waren Tageskilometer über 250 km fast nicht zu schaffen. Das war so nicht geplant. Wollten wir doch so viel wie möglich vom Atlas sehen und befahren. Doch im Nebel ist die Aussicht nur halb so schön und Temperaturen zwischen 2 und 12 Grad Celsius und Regenwasser in unseren Stiefeln belehrten uns eines Besseren. Warum den entbehrungsreichen Kampf gegen die Naturgewalten aufnehmen, wenn ein geschicktes Manöver, Sonne und Palmen verspricht? Der direkte Pass über das Gebirgsmassiv wurde ausgewählt und noch einmal schmerzte uns das Wetter mit Hagel und glatten Kurven. Die Hände versteiften sich zunehmend vor Kälte und sehnten sich schon am Anfang dieser Etappe nach heißem Glühwein. Wir kompensierten mit gezuckerten Minztee und dosierten Schlückchen aus unseren Flachmännern. Ronald wickelte uns besorgt in blaue Folie, um weiteres Wasser und Wind fern zu halten. Just hinter uns wurde wetterbedingt der Pass geschlossen und ein Lächeln breitete sich wieder auf unseren Gesichtern aus. Geschafft. Wir beendeten die ersten Tage am Kaminfeuer unserer Auberge und legten zumindest die Ausrüstung trocken. Polnische GS Treiber gesellten sich hinzu und sorgten wiederum für einen feuchtfröhlichen Abend - ohne kalte Füße.

„Motorcycling is a heady world of freedom and individuality.“ Marko Kramer

 

Die ausgewählte Streckenänderung ergab eine längere Route, aber das Wetter war von nun an kaiserlich. Über Er-Rachidia und Erfoud erreichten wir bei Dunkelheit und sandigen Winden Merzouga bei Erg Chebbi. Wir quartierten uns in einer Berberburg (Kasbah Ksar Bicha) ein und fühlten uns wie Lawrence von Arabien. Ein jeder schlief wie im Märchen und sollte ebenso dem nahenden Ruhetag begegnen. 

 

 

 

 

Der Tag begann mit Sonne, brüllenden Kamelen in Palmenhainen und einem riesigen Sandhaufen

Hier, 30 km vor der algerischen Grenze, befindet sich eines der großen Dünenmeere der Sahara (Erg Chebbi). Bis zu 150 Meter hoch liegt es majestätisch in der Landschaft, umsäumt von Oasen. Es wird von kleinen Tuareg-Karawanen, die Touristen die Schönheit der kargen Wüste zeigen, durchquert. Wir sattelten also unsere alemannischen Dromedare und gingen auf Tuchfühlung mit feinstem Zuckersand. Ali Oubassidi führte uns in geeignetes Terrain und der Spaß konnte beginnen. Resultat: Ein breites Grinsen im Gesicht, Sand an den ungeeignetsten Körperstellen und zwei verlorengegangene Rückspiegel an Martins Scrambler. Nun ja. Die Sonne tauchte im Untergang den gelben Sand in rote Farbe, wir tätschelten unsere sandgestrahlten Motorräder und sahen uns glückselig den versinkenden Stern an.

Ausgedehnte Landschaft folgte in den kommenden Tagen auf unserem Weg nach Süd-West Richtung Atlantikküste. Oasen und Gebirgsformationen wechselten sich ab und der grobe marokkanische Asphalt gab unseren Pneus einen guten Grip. Um den Zeitplan aufzuholen, legten wir nun an Kilometern zu. Etappen zwischen 400 und 650 km inklusive Fahrten bei Dunkelheit folgten. Nachtfahrten sind in Afrika generell eine nicht allzu schöne Angelegenheit. In der Dämmerung plagen Insekten den Fahrer und im Scheinwerferlicht lassen sich Schlaglöcher und nichtbeleuchtete Fahrzeuge deutlich schlechter ausmachen. Auch Eselkarren und Fußgänger nutzen die wenigen Verkehrsadern zu jeder Tages- und Nachtzeit.

„Everything happens at the right time.“ Ronald Zehrfeld

100 Polizei- und Militärstopps

Unterwegs nahmen die Kontrollen überdurchschnittlich zu. Die marokkanischen Behörden in der Westsahara wussten genau, wo wir waren. Ein kurzer Halt vor und nach jeder Ortschaft wurde zur Gewohnheit. Wir gaben unsere Daten bei den durchweg freundlichen Beamten ab, hielten für gewöhnlich einen kleinen Anstandsplausch und schnipsten dann unsere Motoren wieder auf Reisegeschwindigkeit. Die kommenden Grenzübertritte nach Mauretanien und Senegal nahmen wir daher mit afrikanischer Gelassenheit. Alles läuft irgendwie ohne große Aufregung. Taschen mussten nicht geöffnet werden. Und wollte doch mal jemand nachschauen, was wir mit uns führen, dann erzählten wir von unseren Abenteuern und unserer dreckigen Unterwäsche in den Taschen. Damit war das Thema zuverlässig erledigt und die geladenen AK 47 entschärft. Gute Fahrt – inschallah (So Gott will). Wir danken, Lächeln zurück und geben Flamme.

 

Staubiges, heißes Schlaglochbingo

Nun, im kargen Mauretanien, ist kein Baum zu finden. Kein Schatten lindert die sengende Sonne. Hier ist die wirtschaftliche Armut ungleich höher als im nördlichen Maghreb. Und dennoch: Die Menschen sind freundlich und hilfsbereit. Die Straßen allerdings gleichen einem Schlaglochbingo, hinter Nuakschott ist Riesenslalom angesagt. Wer hier nicht konzentriert ans Werk geht, steuert seine Maschine in riesige Asphalt- und Sandpistenlöcher. Das wiederum könnte das Ende der Reise bedeuten. Und wer möchte schon mit offenem Knochen-  oder Gabelbruch, in dieser Gegend zwangsläufig verweilen?! Also Pausen einlegen, Wasser über die Rübe und wieder Staub fressen. Ab und an blockieren Dromedare oder umgekippte, überladene Lastwagen die Straße und Warzenschweine fliehen hektisch, als wenn Großkatzen hinter ihnen her wären. Abends ist dieses Land im Übrigen genauso trocken wie am Tage. 

 

Das Meer ist rechts, der Sand ist links und im Süden liegt unser Ziel

Die Motoren laufen gleichmäßig und unbeeindruckt der Temperaturen. Mann, sind wir stolz auf unsere Pferde. Alt wie neu atmen sie Staub und brennen Kilometer für Kilometer den schlechten Sprit ab- sofern es denn mal welchen gibt. Wie sich eine niedrige Oktanzahl anhört? Nicht schön. Die Ventile klingeln unter Last ihr Lied vom Tod, der uns aber nicht folgen kann. Einsandungen und Umfaller gab es natürlich auch. Thorsten auf der schwer beladenen Kamera-GS ließ nichts aus und landete auf dem ersten Platz unserer Liste. Die abendliche Runde ging diesmal auf ihn.

„RnineT Scrambler - Ein ausgewogenes, robustes und zuverlässiges Motorrad mit Stil.“ Martin Lemcke

 

Baobab-Bäume und das Grün in der Landschaft nehmen jetzt wieder zu. Die senegalesische Grenze erreichen wir in der Dämmerung kurz vor Feierabend. Die Grenzposten sind freundlich und irgendwie wird alles gerade bunter und fröhlicher. Über Saint-Louis, bekannt für guten Jazz, marode französische Kolonialbauten und jede Menge Müll in der Lagune, fahren wir durch das Savannenland bis nach Gambia. Einen Tag zuvor wurde der letzte westafrikanische Diktator Jammeh abgewählt. Ein Internierungslager für Hexen und die Heilung von HIV per Hand auflegen gehörten zu seinen Führungsqualitäten. Die Leute am Straßenrand winken und lächeln. Wir erwidern erfreut. Die drei Jungs am Wasserloch können es kaum fassen: Chris legte ihre gesammelten Erdnüsse beiseite, setzte sie auf unsere BMWs und schenkt ihnen so ein klein wenig Abwechslung in ihrem doch so anderen Alltag. Was sie nicht wissen: Für uns sind solche Momente ebenfalls von großer Freude. Die Freude währt aber nur kurz - der selbsternannte König wird seinen Blutthron nicht hergeben wollen. Das Militär richtet Stellungen ein – bereit für den Kampf?

 

Auf unserer letzten Etappe zeigt uns die Natur nochmals die einmalige Schönheit Afrikas. Wilde Flusspferde und Schimpansen lassen uns kurz gewähren und in ihre bedrohte Welt blicken. Mit lahmender Lichtmaschine, an unserer BrownSugar fahren wir die letzten 300 Kilometer in Formation dem Abendrot entgegen, passieren die letzten Militärstopps und erreichen glückselig unser Ziel – unsere kleine Klinik an der Smiling Coast of Africa.

 

Wieso und Warum

 

Vor 8 Jahren gründeten wir mit Freunden einen gemeinnützigen Verein namens Ärzte Helfen e.V. Seitdem sind einige von uns jedes Jahr ehrenamtlich in Gambia tätig, reparieren medizinische Geräte, entsenden Ärzte und Medikamente in unsere Partnerklinik und finanzieren viele Behandlungen und Operationen in Afrikas kleinstem Land. Hier liegen Freud und Leid und nah beieinander. Wenn man Kinder sieht, die seit Monaten mit einer Unterschenkelfraktur, einem Gesichtstumor oder Zahnschmerzen leben müssen ohne eine Behandlung erhalten zu können, fängt man an nach dem Wieso und Warum zu fragen. Man könnte die Antworten anderen überlassen - oder selber beginnen, einen kleinen Teil für ein bisschen mehr Gerechtigkeit zu leisten. Die Welt wird dadurch etwas schöner – in Zeiten, in denen sie anfängt, hässlich zu werden. Unsere MissionSouth führte uns nach Süden. Die Menschen im Süden führt es nach Norden. Wir wurden nicht beraubt. Wir wurden keine Opfer von Gewalt. Wir wurden nicht angefeindet. Nein. Wir wurden mit offenen Armen und einem Lächeln empfangen. Überall.

 

Nachtrag

Nach Ablauf des Ultimatums verließ der letzte Diktator Westafrikas das Land. Kein Blut musste fließen und die Menschen jubeln. GAMBIA HAS DECIDED. Das Land hat nun die Chance auf mehr Gerechtigkeit. Wir werden sehen. Aber zuerst werden wir sehen, ob unsere geliebten Bikes den Seeweg nach Hamburg gut überstehen – Inshallah.

 

 

Wir danken allen Unterstützern der MissionSouth. Gemeinsam haben wir 13.000 € an Spenden sammeln können, welche in Gambia für eine gute und nachhaltige medizinische Versorgung verwendet werden.

 

Danke für Eure Unterstützung und Euren Support, dieses Charity Abenteuer zum Leben zu erwecken:

 

BMW Motorrad / BMW Motorrad Werk Berlin / Dr. Jekill & Mr. Hyde / Reifenwerk Heidenau / MARMOT / ORTEMA/ Ohrpheus / LEATHERMAN/ Flemming Dental / Chippewa / Drakensberg / ThediLeathers / Harry Damson Speed Shop

Dank Euch konnten wir insgesamt 13.000 € Spenden sammeln, welche unserem Projekt in Gambia und den dort lebenden Menschen Zugute kommt. Danke!

 

Weitere Informationen über Ärzte Helfen e.V.:

www.aerztehelfen.de